Tablet-gestützte Aktivierung von Demenzpatienten im Pflegeheim - eine Pilotstudie

Ein Gemeinschaftsprojekt der Charité-Universitätsmedizin Berlin, Institut für Medizinische Soziologie und Rehabilitationswissenschaft und des Öffnet externen Link im aktuellen FensterSeniorenpflegeheims DOMICIL

Projektleitung (Charité)

  • Projektleitung: Dr. rer. medic. Johanna Nordheim
  • Projektkoordination: Dr. phil Sabine Hamm

Verantwortliche für die Durchführung der Intervention im untersuchten Pflegeheim

  • Ines Jesse (Leiterin der Einrichtung)
  • Jacqueline Wienholtz (Therapeutin im Wohnbereich für Demenzpatienten)
  • Marco Reichert (Verwaltungsinspektor und Dipl.-Theaterpädagoge)

Auftraggeber

Stiftung Öffnet externen Link im aktuellen FensterZentrum für Qualität in der Pflege, Berlin (ZQP)

Ziel

Mittels eines mehrstufigen Studiendesigns soll der Nutzen des Einsatzes von Tablet-Computern in der alltäglichen Beschäftigung mit Pflegeheimbewohnern, die an Demenz erkrankten, untersucht werden. In der Pilotphase wird es primär darum gehen, die verschiedenen Möglichkeiten des Einsatzes von Tablet-Computern genauer zu prüfen. Untersucht wird, ob und wie sich dieser Einsatz auf ihr Wohlbefinden, das Aktivitätsniveau und die soziale Teilhabe auswirken bzw. ob dadurch Verhaltensauffälligkeiten wie Unruhe  oder Apathie und damit auch die Medikamentierung reduziert werden können. Ein weiteres Ziel liegt in der Vorbereitung eines Projektantrags gemeinsam mit weiteren, sich zu einem Konsortium zusammen gefundenen Institutionen. In dieser Phase werden im Rahmen einer großangelegten multizentrischen, kontrollierten Studie, die in der Pilotphase gewonnenen  Erkenntnisse weiter quantifiziert und qualifiziert. Eine Mitarbeiterschulung wird ebenso ein Ergebnis von Phase  II sein wie das Untersuchen dieser Maßnahmen auf die Mitarbeiterzufriedenheit einerseits und die der Angehörigen andererseits.

Hintergrund

In Pflegeheimen stieg der Anteil von Bewohnern mit einer dementiellen Erkrankung in den vergangenen Jahren konstant an. Derzeit sind rund 60 Prozent der Heimbewohner in Deutschland von dieser Krankheit betroffen. Neben den Störungen des Gedächtnisses und der Denkfähigkeit treten häufig Verhaltensauffälligkeiten bei einer  Demenz auf, wie z.B. zielloses Herumlaufen, Rastlosigkeit, Aggressivität, Schreien, aber auch Apathie, Teilnahmslosigkeit und Rückzug, Zurückweisen der Pflege oder Verweigerung der Nahrungsaufnahme. Als Ursache hierfür werden vor allem unbefriedigte Bedürfnisse angesehen. In Pflegeheimen werden insbesondere Menschen mit mittelschwerer bis schwerer Demenz versorgt, in diesen Stadien der Erkrankung treten Verhaltenssymptome bei mehr als 75 Prozent aller Betroffenen auf. Diese Verhaltensauffälligkeiten sind für alle Beteiligten oft äußerst belastend und erzeugen Hilflosigkeit und zwischenmenschliche Konflikte.

Verhaltenssymptome bei Demenz bilden nicht selten den Anlass für die Verschreibung von psychotropen Medikamenten, mit den vielfältigsten Nebenwirkungen. Nach neueren Studien erhalten bis zu 75 Prozent der Pflegeheimbewohner mit Demenz psychotrope Arzneimittel. Vor allem wegen der Nebenwirkungen dieser Medikamente dringen Behandlungsrichtlinien immer wieder darauf, dass die pharmakologische Behandlung demenzieller Symptome erst als zweiter Weg eingesetzt und nicht-pharmakologischen Therapiemaßnahmen der Vorzug gegeben werden sollte. Solche Therapien werden bereits erfolgreich eingesetzt. Nachgewiesen wurden Verbesserungen im kognitiven Bereich, in der  Lebenszufriedenheit und in der Reduktion von Verhaltenssymptomen.

Daher wird weltweit nach Möglichkeiten nicht-medikamentöser Therapien für die immer größer werdende Zahl von Menschen mit Demenz gesucht. Neben den schon etablierten Therapien, wie Mal-, Musik- oder Bewegungstherapien wird aktuell immer wieder der Versuch gemacht, auch neueste Kommunikationstechnik einzusetzen. Für den Einsatz von Personal Computern gibt es bereits erste interessante Erfahrungen, für den hier geplanten Einsatz von Tablet-PCs hingegen kaum.

Mehr zufällig als gezielt machte Jacqueline Wienholtz, gerontologische Fachkraft im DOMICIL Seniorenpflegeheim Am Schloßpark, Anfang des Jahres 2012 die für sie wie ihre Kollegen unerwartet positive Erfahrung: Selbst an Demenz erkrankte Menschen reagieren positiv auf diese moderne Technik und was bis dahin niemand für möglich hielt, sie zeigen Spaß und Freude beim Spielen mit unterschiedlichen Anwendungen (kurz auch „Apps“ genannt). Aufgrund ihrer leichten Handhabbarkeit lassen sich Tablet-Computer in der therapeutischen Arbeit von körperlich und/oder kognitiv eingeschränkten Heimbewohnern gut einsetzen und auch einfach in den Wohnbereichsalltag integrieren.

Diese vielversprechenden Erfahrungen führten im Verlaufe des Jahres dazu, dass die Heimleitung des Seniorenpflegeheims Am Schloßpark sich an die Charité, konkret das Institut für Medizinische Soziologie wandte, um diese Beobachtungen auf eine wissenschaftliche Grundlage zu stellen. Das Institut für Medizinische Soziologie, das seit Jahren erfolgreich zu verschiedenen Aspekten des Älterwerdens forscht, konnte wiederum zur Finanzierung dieses Projektes das Zentrum für Qualität in der Pflege (ZQP) gewinnen und weitere profilierte Kooperationspartner (so von der Technischen Universität und der Universität der Künste) für den geplanten Ausbau dieses Projekt interessieren.

Studiendesign

Die qualitative Datenerhebung erfolgte in Form einer strukturierten Beobachtung zur Erfassung der Aktivität/Teilhabe. Über die Beobachtungsprotokolle hinaus wurden Dokumentenanalysen (z.B. Pflegedokumentation) und Leitfadeninterviews mit Mitarbeitern ausgewertet. Ergänzend erfolgte eine quantitative Datenauswertung anhand der Vorher/Nachher Beurteilung festgelegter Zielkriterien mittels validierter und standardisierter Erhebungsinstrumente wie dem Neuropsychiatrischen Inventar NPI zur Messung von Verhaltensauffälligkeiten und dem QoL-AD zur Messung von Lebensqualität. 

Das Gemeinschaftsprojekt startete im Februar 2013. Das Forscherteam führte von Februar bis April 2014 bei 14 Bewohnerinnen und Bewohnern im Alter von Mitte 70 bis 100 Jahren mit diagnostizierter Demenz, bei mittlerem und fortgeschrittenem Mini-Mental-Status aus verschiedenen sozialen Schichten und mit unterschiedlichem Bildungshintergrund an drei Tagen in der Woche jeweils fünf bis sechs Einzelaktivierungen à 30 Minuten, sowie zusätzlich Gruppenaktivierungen durch. 

Insgesamt wurden im Rahmen des Pilotprojektes 200 Einzelaktivierungen bei Bewohnerinnen und Bewohnern mit stark fortgeschrittener Demenz durchgeführt. Darüber hinaus wurden mithilfe der Tablet-Technik 40 Gruppenaktivierungen bei demenziell erkrankten Bewohnerinnen und Bewohnern mit weniger weit fortgeschrittener Demenz durchgeführt.

Ergebnisse

Der Einsatz von Tablet-Anwendungen überzeugte in Therapie und Beschäftigung in mehrfacher Hinsicht. Die größten technischen Vorteile liegen in ihrer leichten Bedienbarkeit, ihren multifunktionalen Anwendungsmöglichkeiten und ihrem leichten Gewicht. Besonders beeindruckte ihre Akzeptanz seitens der einbezogenen Teilnehmer. Die therapeutisch interessantesten und nachhaltigsten Effekte erwiesen sich darin, Kommunikation und Interaktion anzuregen, das Wohlbefinden der Bewohner zu verbessern, das Gedächtnis zu trainieren, herausforderndes Verhalten zu reduzieren und den Kontakt zu Angehörigen zu intensivieren.

Obwohl die Technik den Studienteilnehmern noch kurz zuvor gänzlich unbekannt war, gab es kaum Berührungsängste. Die spielerischen und interaktiven Möglichkeiten der Apps bereiteten den demenziell erkrankten Bewohnern große Freude und förderten ihre Kommunikationsbereitschaft – unabhängig davon, ob sie Fragen eines Quiz beantworten, Wortketten erstellen oder verdeckte Buchstaben finden mussten: Die Bewohner erfahren Anerkennung und Wertschätzung und erleben Freude und Gemeinschaft.

Die Untersuchungsergebnisse zeigen Möglichkeiten auf, wie mithilfe von Tablet-Computern das Wohlbefinden von demenzkranken Pflegeheimbewohnern, ihre Selbstständigkeit und soziale Einbindung gestärkt werden und so letztlich auch Pflegekräfte entlastet und der Kontakt zu Angehörigen verbessert werden kann. Zudem vermittelten die Beobachtungen den Eindruck, dass durch den Einsatz des neuen Mediums vorhandene kognitive Fähigkeiten wieder aktiviert werden konnten. Allerdings verdeutlichen die Ergebnisse auch, dass der Einsatz der Tablets immer von einer Pflegekraft begleitet und zuvor durch Schulungen gezielt vorbereitet werden muss. Ein weiter Befund: Die zur Therapie eingesetzten Apps sollten immer individuell auf jeden demenziell erkrankten Bewohner abgestimmt werden. 

Die Entwicklung speziell angepasster Software und weitergehende Forschung zum Einsatznutzen erscheinen angeraten.

Video

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Diese Vorgehensweise gilt auch für das iPad.

Dieses Video hat das Öffnet externen Link im aktuellen FensterDOMICIL-Seniorenpflegeheim freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Abschluß des Projektes

Mittlerweile ist das Pilotprojekt abgeschlossen und kann in einer Lang- und Kurzversion unter

(Öffnet externen Link im aktuellen Fensterhttp://www.zqp.de/index.php?pn=press&id=408

abgerufen und gelesen werden.

Presse

iPads und Co. in der Pflege Demenzkranker : Tablets und Tabletten

 

 

http://www.tagesspiegel.de/weltspiegel/gesundheit/ipads-und-co-in-der-pflege-demenzkranker-tablets-und-tabletten/10733540.html